Was ist wirklich Bio?

Bio ist grundsätzlich besser als konventionell hergestellte Lebensmittel!
Doch nicht nur die wachsende Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln führt dazu, dass die in der EU und Deutschland geltenden gesetzlichen Verordnungen nicht so streng sind, wie man bei dem Schlagwort „Bio“ oder „Öko“ vermutet. Es gibt in der Realität gravierende (!) Unterschiede.

Die EU-Verordnung erlaubt unter anderem 49 Zusatzstoffe. Die hierzulande strengsten Demeter-Richtlinien immerhin „nur“ 13.

Grund genug, Bio-Siegel hier genauer zu untersuchen.

Die verlässlichste Auskunft, wie tierfreundlich, umweltschonend und schadstofffrei verpackte Lebensmittel tatsächlich sind, geben die Bio-Siegel. Die Siegel bürgen jeweils für einen festgeschriebenen Standard – zum Beispiel, wie artgerecht Tiere von Bauern für die Herstellung von Bio-Fleisch gehalten werden müssen.

Das Wichtigste vorweg: Das EU-Bio-Siegel erfüllt lediglich Mindeststandards für die ökologische Lebensmittelerzeugung. Auch, weil das hellgrüne EU-Blatt das sechseckige deutsche Bio-Siegel (siehe unten rechts) seit 2010 „überstimmt“ und Erzeuger/Händler das deutsche Siegel nur noch als Zusatz verwenden dürfen, gibt es  in Deutschland private Bio-Anbauverbände, die deutlich strengere Regularien vorgeben als die EU-Verordnung. Die drei wichtigsten sind: Demeter, Bioland und Naturland. Alle deutschen Bio-Verbände legen unter anderem Wert auf regionale Erzeugnisse und geringe Transportwege – zwei der wichtigsten Kriterien, auf die man als Verbraucher achten sollte.

 

Das sind die bekanntesten Bio-Siegel.

 

Unter anderem greift der Bio-Großhändler „Alnatura“ vorwiegend auf Premium-Bioprodukte aus den Verbänden Demeter, Naturland und Bioland zurück, weil der Anspruch an eine verantwortungsvolle Landwirtschaft deutlich höher ist als bei der EG-Öko-Verordnung. Man spricht aufgrund der strikten Vorgaben hier auch von Premium-Bio, also 100 % Bio Bio-Qualität.

Aber gibt es weniger als 100 % Bio? Ja – geregelt in der EU-Verordnung.

EU-Siegel – der Mindeststandard

Das grüne EU-Siegel ist seit Juli 2010 für alle Bioprodukte Pflicht, die in einem EU-Mitgliedstaat erzeugt wurden oder die einem Verarbeitungsschritt in der EU unterliegen. Das seit vielen Jahren bekannte deutsche BIO-Siegel darf nur noch in Verbindung mit dem grünen EU-Blatt abgebildet werden, die Rechtsgrundlage ist aber identisch.

Das EU-Blatt ist der gesetzliche Mindeststandard, 95 Prozent der Inhaltsstoffe müssen biologisch produziert wurden.Das heißt, fünf Prozent der Zutaten und sogar zehn Prozent des Schweine- und Geflügelfutters dürfen aus konventionellem Anbau stammen – mit Gentechnik, Medikamenten- und Pestizidbelastung. Zudem lassen sich Herkunft und einzelne Verarbeitungsschritte der Lebensmittel nicht ohne weiteres nachvollziehen.

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Copyright: EU, BMEL
Erlaubte Zusatzstoffe: 49

Tier-Futtermittel aus eigenem Betriebs-Kreislauf: 20 Prozent

Maximale Anzahl der Tiere pro Hektar u.a.: 230 Legehennen, 580 Masthühner, 14 Schweine.

Für aus dem EU-Ausland eingeführte Erzeugnisse ist die Kennzeichnung übrigens freiwillig.

„Naturland“ – Bio mit Gesicht

„Naturland“ erfüllt deutlich höhere Standards für die Erzeugung und Verarbeitung ökologischer Lebensmittel. Seit 1982 gehen diese Kriterien über die EU-Verordnung hinaus – darunter fallen ein ganzheitlicher Ansatz, nachhaltige Bewirtschaftung sowie der Schutz des Verbrauchers. Neben Lebensmitteln kennzeichnet das Naturland-Siegel auch Holzprodukte und Textilien und regelt zudem die Kosmetika-Herstellung stärker als die EU.

„Bio mit Gesicht“ ist das Naturland-Konzept für die Rückverfolgung von Produkten: Anhand der Code-Nummer auf der Packung kann man die Biografie des Lebensmittels lückenlos nachvollziehen.

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Naturland e.V.
Erlaubte Zusatzstoffe: 22

Tier-Futtermittel aus eigenem Betriebs-Kreislauf: 50 Prozent

Maximale Anzahl der Tiere pro Hektar u.a.: 140 Legehennen, 280 Masthühner, 10 Schweine

„Naturland“ und EU-Verordnung im direkten Vergleich

 

„Bioland“ – der größte Verband

Mit über 5.000 Bio-Bauern und fast 1.000 Lebensmittel-Herstellern ist „Bioland“ der größte ökologische Verband Deutschlands. Auch hier wird Wert auf nachhaltigen Ackerbau mit wechselnden Feldfrüchten statt Kunstdünger und Pestiziden gelegt. Die Verordnung übersteigt die EU-Vorgaben ebenfalls in vielen Bereichen. Die Mitglieder des Verbandes müssen zu 100 Prozent ökologisch produzieren, ohne Kunstdünger und Pestizide, sowie Biosaatgut verwenden. Die Produktionsmittel stammen zu einem großen Teil aus dem eigenen Betrieb, und erkrankte Tiere werden naturheilkundlich behandelt.

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Bioland e.V.
Erlaubte Zusatzstoffe: 24

Tier-Futtermittel aus eigenem Betriebs-Kreislauf: 50 Prozent

Maximale Anzahl der Tiere pro Hektar u.a.: 140 Legehennen, 280 Masthühner, 10 Schweine

„Bioland“ und EU-Verordnung im direkten Vergleich

„Demeter“ – die strengsten Richtlinien

Demeter gibt es seit 1924, der Öko-Pionier im deutschen Sprachraum – und der strengste Verband. Unter anderem ist für Demeter-Ware die Gesamtbetriebsumstellung eines Bauernhofs notwendig. Entgegen der EU-Verordnung, Bioland und Naturland schreibt der deutsche Bio-Verband Demeter außerdem die Tierhaltung für landwirtschaftliche Betriebe eindeutig vor – Zähnekreifen bei Schweinen ist zum Beispiel wie auch bei Bioland eindeutig verboten. Ebenso wird auf das schmerzhafte Enthornen bei Rindern verzichtet. Demeter macht das Halten von Tieren gegebenenfalls in Kooperation mit einem anderen Hof  zur Bedingung für die Zertifizierung. Außerdem müssen die Futtermittel zu 90 Prozent aus Demeter-Erzeugung sein, und nicht – wie bei den anderen Verbänden „nur ökologisch“ produziert. Hier wird also über die Maßen Wert auf eine ganzheitliche ökologische Erzeugung gelegt.

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Demeter e.V.
Ein weiteres interessantes Beispiel zum Thema Zusatzstoffe: Bei Demeter darf die sonst bei Bio-Waren erlaubte künstlich hergestellte Zitronensäure als konservierender Zusatzstoff nicht verwendet werden. Begründung: Dafür kann man Zitronen  verwenden.

Erlaubte Zusatzstoffe: 13

Tier-Futtermittel aus eigenem Betriebs-Kreislauf u.a.: 50 Prozent

Maximale Anzahl der Tiere pro Hektar u.a.: 140 Legehennen, 280 Masthühner, 10 Schweine

Demeter und EU-Verordnung im direkten Vergleich

Fazit

Wer es ganz genau nehmen möchte und irgendwo zwischen „bösem Fleischkonsum“ und dem Trend des Veganismus liegen will, kauft ausschließlich Lebensmittel aus Demeter-Betrieben. Diese Ware ist allerdings aufgrund der hohen Anforderungen teuer in der Erzeugung und greift entsprechend in unsere Geldbeutel. Alternativen bieten im nächsten Schritt Naturland, Bioland und einige weitere strengen Richtlinien folgende – noch weitgehend unbekannte – deutsche Bio-Verbände. Der einfachste Weg, duch den Bio-Dschungel zu finden und seiner Verantwortung als Verbraucher gerecht zu werden: Verpackte Lebensmittel auf ein BIO-Siegel checken, und im Zweifel das geliebte Smartphone zücken und ein unbekanntes Bio-Siegel googeln. Das dauert in der Regel nicht mehr als eine Minute. Die Verbände veranschaulichen auf ihren Websites auf einen Blick, wofür sie stehen.

Und dann heißt es für einen selbst: Kann ich damit leben, das Produkt zu kaufen oder nicht? Denn neben den eigenen gesundheitlichen Aspekten geht es bei der Wahl der Lebensmittel auch um das Wohl der Tiere und sogar um die Anerkennung der Bauern, die sich die kostspielige Mühe machen, ihr Angebot für Umwelt und Verbraucher möglichst verträglich zu machen – und dabei auch ein paar Cent in der Hosentasche zu behalten.

Weiterführende Artikel:

Ist Milch wirklich ungesund?

Eier als Wunderwaffe – und was ist mit den Küken?

 

 

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